
Modellhaftes Energiekonzept im Bremer Café Ambiente
Hochbetrieb und gute Stimmung herrschten im Café Ambiente eigentlich schon immer. Selbst 1929, als der Architekt A. Karst den schlichten Rundbau für den Frauenbund für alkoholfreie Kultur fertigstellte und das Lokal nach der Gründerin dieser suspekten Vereinigung noch Ottilie-Hoffmann-Haus hieß, pilgerten die Bremerinnen und Bremer in Scharen hierher, um bei Kaffee und Kuchen den zwar nüchternen aber dennoch traumhaften Ausblick auf die nahegelegene Weser zu genießen. Seitdem hat sich hier im „Haus am Fluß“ freilich nicht nur das Verhältnis zu Bier und Wein verändert, denn nachdem 1986 die in den fünfziger Jahren errichtete glasüberdachte Terrasse schließlich provisorisch zu einem ganzjährig nutzbaren Wintergarten umgebaut worden war, folgte 1997 die vollständige Sanierung des inzwischen doch etwas maroden Erdgeschosses.
Der im Zuge der umfangreichen Umbauarbeiten um rund 60 m2 erweiterte Wintergarten wurde durch die Architekten Lüder Castens, Ilknur Akman und Stefan Topf jetzt der runden Form des Gebäudes angepasst, sodass nun alles halbkreisartig um die Theke als dem Herzstück des Ganzen angeordnet ist. Ein warmer, roter Marmorfußboden, die dunkelgraue Theke, Barhocker und Stühle aus kühlem Edelstahl sowie das dunkel gehaltene, halbkreisförmige Sofa in der ersten Ebene bilden dabei ein kontrastvolles Gegengewicht zum fast allgegenwärtigen Glas.
Neben den überaus gelungenen Erweiterungs- und Erneuerungsarbeiten der bestehenden Räumlichkeiten ist es aber vor allem die in Zusammenarbeit mit dem BUND Bremen entwickelte und mit Unterstützung der Energieleitstelle des Bremer Umweltsenators, der Bremer Energie-Konsens GmbH und den Stadtwerken Bremen finanzierte Gebäudetechnik, die nach sechsmonatiger Umbauphase für Aufsehen sorgt. Dabei sind neben dem baulichen Wärmeschutz und dem Einsatz von Brennwert-Heiztechnik vor allem der Einbau einer wärmerückgewinnenden Lüftungsanlage, die Warmwasserbereitung durch Abwärmenutzung der Kühlag-gregate und die Installation einer in das Wintergartendach integrierten Photovoltaikanlage dafür verantwortlich, dass das Gebäude inzwischen die Anforderungen des Niedrigenergiehaus-Standards erfüllt.
Gemeinsam mit anderen energiesparenden Strategien wie der Verwendung von Stromsparlampen und der Umstellung auf gasbetriebene Geräte lassen die umfangreichen Umrüstungsmaßnahmen jährlich auf etwa 72.000 KWh Strom und 25.000 KWh Gas gegenüber einem herkömmlichen Umbau verzichten. Der größte Anteil der damit einhergehenden Ersparnis von rund 64.000 kg Kohlendioxid fällt dabei auf die Wärmerückgewinnung, die etwa 60 % der in der warmen Abluft enthaltenen Energie auf die einfließende kalte Frischluft übergibt; selbst in der Küche sorgt eine Induktionsabzugshaube mit integriertem Kaltluftkanal dafür, dass der Wärmeverlust auch hier um etwa 50 % reduziert werden konnte.
Überaus raffiniert ist auch die Warmwasserbereitung im Café Ambiente: Durch die Zentrali-sierung sämtlicher Kühlaggregate außerhalb des Gebäudes wird nicht nur der Wirkungsgrad der Anlage erhöht, es wird auch die Nutzung der Abwärme ermöglicht. Denn statt wie „normal“ die Umgebung aufzuheizen, wird das verdichtete und heiße Kühlmittel durch Wärmetauscher an einen 300-Liter-Wasserspeicher zur Brauchwassererwärmung abgegeben. Auf diese Weise lässt sich mühelos der komplette Warmwasserverbrauch des Gebäudes decken.
Besonders augenfällig aber ist für die Besucher natürlich die zumindest in Norddeutschland bislang einmalige glasdachintegrierte Photovoltaikanlage, die durch die Ausrichtung des Cafés nach Süden eine Leistung von bis zu 10 Kilowatt erzeugen kann. Um auch weiterhin die von den Betreibern geforderte Lichtdurchlässigkeit des 160 m2 großen Glasdaches zu gewährleisten, wurden die insgesamt 7270 Siliziumzellen mit kleinem Abstand voneinander in die Wär-meschutzverglasung (1,1 W/ m2K) eingebaut. Bei einer Lichtdurchlässigkeit von jetzt 47 % ergeben die Zellen mit einer Leistung von jeweils 1,3 Watt dennoch eine Fläche von 72 m2, die im 8 % geneigten Dach für eine jährliche Stromerzeugung von etwa 7.500 KWh sorgen wird. Und damit das Prinzip auch seine Nachahmer findet, sind im Eingangsbereich des Cafés Informationstafeln aufgestellt, die unter anderem auch die aktuelle Leistung der Anlage anzei-gen.
Die Besucher sind vom neuen Ambiente schlichtweg begeistert. Und dass durch den zusätzlichen Einbau wassersparender Toiletten und Armaturen trotz Vergrößerung der Fläche noch so ganz nebenbei auch rund 345 m3 Wasser im Jahr gespart werden, freut vor allem die Zuhörer der im oberen Geschoss regelmäßig veranstalteten Literaturlesungen. Denn ohne überflüssige Spülgeräusche klingt die Poesie gleich doppelt gut.
© Text + Fotos: Robert Uhde
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