Mehrschichtig

Von Eindeutigkeit keine Spur. Stattdessen stellen die raffiniert komponierten Arbeiten von Steven Holl die herkömmlichen Auffassungen von Raum und Licht in Frage und lassen die Architektur dadurch zur Herausforderung an die eigene Wahrnehmung werden.

Im New Yorker Künstler- und Galerienviertel Soho entwickelte Steven Holl vor Jahren gemeinsam mit dem Künstler Vito Acconci die Storefront gallery for Art and Architecture, deren radikales Design ohne Fenster und Türen auskommt. "Um die Dinge wahrnehmen zu können", so behauptet Holl, "ist es erforderlich, in eine Welt unterhalb des alltäglichen Wahnsinns der funktionierenden Welt einzutauchen." Ein weiteres Exempel seiner minimalistisch geprägten Baukunst hat der 53-jährige New Yorker Architekt jetzt in Amsterdam fertiggestellt: In der im Südosten der Stadt gelegenen Sarphatistraat, direkt neben der durch Koen van Velsen umgebauten Rijksacademie der Bildenden Künste, wurde vor wenigen Monaten der neue Hauptsitz für die Woningcorporatie "Het Oosten" bezogen. Neben dem sensiblen und zurückhaltenden Umbau eines im Neorenaissance-Stil errichteten, U-förmigen Backstein-Komplexes aus dem Jahr 1889 - dem ehemaligen Rijksmagazijn für Arzneimittel - umfasst das Projekt auch den Neubau eines kupfergrünen Pavillons im hinteren Bereich des Ensembles, der wie der Pavillon der benachbarten Rijksacademie von Koen van Velsen nur vom rückwärtigen Hof oder vom gegenüber gelegenen Ufer der Singelgracht, vom Mauritskade aus sichtbar ist.

Der auf den Fundamenten des Amsterdamer Altstadtwalls errichtete Pavillon ersetzt das Heizhaus und einen Schornstein des ehemaligen Arzneimittel-Magazins und beherbergt auf einer Grundfläche von 320 m2 einen als Kantine sowie für Konferenzen und öffentliche Anlässe genutzten, doppelgeschossigen Gemeinschaftsraum mit Blick auf das Ufer der Singelgracht, wo nach den Plänen des Architekten demnächst eine Promenade mit Bänken und einer Reihe von Zypressen entstehen soll. Direkt unter dem Gebäude steht den Mitarbeitern eine neue Tiefgarage mit 48 Stellplätzen zur Verfügung, die mittels eines mechanischen Parksystems zugänglich ist.

Im gedankenlosen Vorbeigehen wirkt der kupfergrüne Pavillon zunächst lediglich wie eine grell leuchtende Kiste mit zufällig geschnitten Aussparungen und Öffnungen - seine architektonische Subtilität erschließt sich erst auf den zweiten Blick, der die ganz offensichtlich an das Vokabular der De-Stijl-Architektur angelehnte Formensprache und den sich auch im Wasser widerspiegelnden Materialkontrast zwischen Backstein und oxidiertem Kupfer als Ausgangspunkt eines provozierenden Spiels mit der Wahrnehmung des Betrachters begreift: "Mit unserem Konzept wollten wir einen Raum von feiner, poröser Gaze mit teilweise reflektierender Farbe schaffen, die das Wasser der Singelgracht in Reflektion taucht", beschreibt Holl seinen Entwurf.

Die mehrlagig aufgebaute Fassade des Pavillons besteht nach außen hin aus zum Teil farbig beschichteten Sperrholzplatten mit unterschiedlich geschnittenen und patternartig wiederholten, horizontalen und vertikalen (Fenster-)öffnungen, vor die eine in drei Dimensionen angelegte, perforierte Haut aus verschieden stark oxidierten Kupferplatten plaziert worden ist - eine hermetisch verhüllte Struktur mit sensibel orchestrierten, chromatischen übergängen, die eine intelligent inszenierte Balance zwischen Transparenz und Verbergen ermöglicht: Durch den Schleier hindurch zeigen sich an verschiedenen Stellen ein geheimnisvolles, bei Nacht durch unsichtbare Lichtquellen beleuchtetes Farbfeld, Teile der Fassaden-Verankerung, eine Schattenstruktur oder eine der rechteckigen Öffnungen, die mal eines der Fenster und mal den Blick auf eines der leuchtend bunten Farbfelder freigeben.

Einen ähnlichen Eindruck hält Steven Holl auch im Inneren des neuen Pavillons bereit: Durch den im Innenhof des U-förmigen Gebäudekomplexes gelegenen Haupteingang gelangt, werden Besucher und Mitarbeiter der Wohnungsbau-Gesellschaft zunächst durch eine großzügige, offene und helle Eingangslobby empfangen, die in ihrer architektonischen Gestaltung und Beleuchtung eindrucksvoll zwischen fernöstlich inspirierter Kargheit und skulpturalem Minimalismus oszilliert und durch die Weiterf ührung einiger Elemente der Tektonik des renovierten Altbaus - die Stahlbalken in der Decke etwa - einen fließenden Übergang zwischen Alt- und Neubau schafft.

Das Innere des Pavillons wird durch ein eingefügtes Mezzaningeschoss beherrscht, das über eine im hinteren Bereich des Raumes gelegene Treppe erreicht wird und durch eine Brücke eine direkte Verbindung mit dem ersten Geschoss des Altbaus schafft. Darüber hinaus fallen die sämtlich mit perforierten Aluminium- und MDF-Platten verkleideten Decken und Wände ins Auge: Der durch diverse (Fenster-)öffnungen unterbrochene räumliche Schleier verbirgt nicht nur Licht, Lüftung oder Lautsprecher, sondern lässt durch die Perforierungen hindurch - ähnlich wie an der Außenfassade - leuchtende Farbfelder sichtbar werden. Die verschiedenen Volumen und Öffnungen wiederholen sich mit leichten Variationen, entweder in der Farbe, in den Proportionen oder der rhythmischen Plazierung und fügen sich zusammen zu einem unstabilen und bewegten Gleichgewicht von Licht und Farbe, das parallel zur Bewegung des eigenen Körpers wechselnde, sich überschneidende Perspektiven erzeugt.

Die Arbeiten von Steven Holl verarbeiten Einflüsse aus Musik, Kunst, Philosophie und Film und sind dabei vor allem durch die Kompositionen von John Cage und Béla Bartók, die Phänomenologie von Maurice Merleau-Ponty sowie durch Werke von Richard Serra oder James Turrell beeinflusst, der eine Quelle der für Holls Arbeiten so zentralen Bedeutung des Lichts ist. Ähnlich wie beim D. E. Shaw and Company Office in New York (1991-92), wo Holl mit "projizierten Farben" experimentierte - ein Prinzip, bei dem verborgene Oberflächen in fluoreszierenden Farben dem Tageslicht ausgesetzt werden und auf diese Weise ein diffuses Leuchten im Raum erzeugen -, spielen Farbe und Licht auch in Amsterdam eine wichtige Rolle. Aufgrund seiner Erfahrungen bei der Gestaltung der St. Ignatio Kapelle an der Universität von Seattle (1997) entschied sich Holl dazu, erneut mit dem Lichtdesigner Hervé Descottes zusammenzuarbeiten. Und wie schon in Seattle ist dabei eine Gestaltung gelungen, die dem Inneren des Pavillons eine sakrale, bisweilen an Le Corbisiers Kapelle in Ronchamp erinnernde Atmosphäre gibt. Der alltägliche Gang in die Kantine gerät da fast schon zum meditativen Ereignis.

© Text und Foto: Robert Uhde

Bauherr: Woningbouw-Vereniging Het Oosten.
Architekten: Steven Holl Architects, New York und Rappange & Partners Architecten bv, Amsterdam
Projektarchitekten: Steven Holl, Justin Korhammer, Hideaki Ariizumi, Martin Cox, Yoh Hanaoka, Bart Kwant, Bert Wevers
Lichtdesign: Hervé Descottes
Entwurf: 1996
Fertigstellung: März 2000
Grundfläche: 4.600 m2 (historisches Gebäude); 325 m2 (Pavillon)
Kosten:7,5 Millionen Euro