Mit industrieller Patina

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  1. Architekturjournalismus

Im niedersächsischen Oldenburg hat der Architekt Christop Bliefernicht die Räumlichkeiten einer ehemaligen Glaserei zum eigenen Bürogebäude umgenutzt. Um die industrielle Vergangenheit der vorhandenen Halle mit ihrer rohen Patina assoziativ weiterzuerzählen und gleichzeitig ein Minimum an „Grauer Energie“ zu verbrauchen, kamen bei dem Umbau Elemente von Bauteilbörsen zum Einsatz, darunter auch eine gusseiserne Treppe aus dem 19. Jahrhundert.

Rund 175 Jahre lang war die 1836 gegründete Oldenburger Glaserei Gassewitz in einem mehrfach erweiterten Gebäudekomplex in der innenstadtnah gelegenen Katharinenstraße ansässig. Nachdem das Unternehmen 2012 entschieden hatte, aus Platzgründen in einen modernen Neubau am Rande der Stadt umzuziehen, ist der Bau mittlerweile großzügig entkernt und durch den vor Ort ansässigen Architekten Christoph Bliefernicht zum eigenen Büro umgestaltet worden. Der nüchterne Industriecharakter des eng verbauten Ensembles wurde dabei durch neu hinzugefügte Elemente, durch eine kraftvolle Farbgebung mit grünen und dunkelgrauen Tönen sowie mit viel Sinn fürs Detail atmosphärisch verdichtet und weitererzählt.

„Das Gebäude hatten wir schon länger im Blick“, verrät der Planer, der mit seiner Frau Katja Bliefernicht und den drei Töchtern direkt nebenan in einem aufwändig sanierten Altbau wohnt. „Als der Komplex dann plötzlich zum Verkauf stand, hatten wir sofort die Idee, das gesamte Areal für die Familie mit Außenflächen für die Kinder zu erschließen und durch die Umnutzung der Glaserei zum Büro und durch eine direkte Verbindung zu unserem Haus eine dichte Verbindung von Wohnen und Arbeiten zu schaffen.“

Intelligenter Rückbau

Vor dem Umbau präsentierte sich die ehemalige Glaserei als zweigliedrige Halle, die zur Straße hin durch einen glasüberdeckten Anbau erweitert wurde. Im Zuge des sechsmonatigen Umbaus wurden die beiden vorderen Teile des Komplexes komplett abgebrochen, um neben ausreichend Tageslichteinfall im Büro auch Platz für einen begrünten Hof zu schaffen und so gleichzeitig die unterschiedlichen Gebäude am Standort wieder als eigene Baukörper erfahrbar zu machen. Der erhalten gebliebene rückwärtige Teil der ehemaligen Glaserei wurde demgegenüber umfassend kernsaniert, gedämmt und durch eine neu eingezogene Empore erweitert. Auf einer Fläche von 145 Quadratmetern steht dem aktuell mit sechs Mitarbeitern besetzten Architekturbüro hier ein stilvolles Ambiente mit ausreichend Raum zur Verfügung. Die obere Ebene wurde dabei zum Teil extern vermietet und das Büro so zur Bürogemeinschaft erweitert.

Parallel dazu musste die nach Osten gelegene Fassade des Bestandes aus Brandschutzgründen zurückversetzt werden, so dass sich hier die Möglichkeit ergab, den zwischen Wohnhaus und ehemaliger Glaserei bereits vorhandenen privaten Innenhof großzügig zu erweitern. Ein kleiner Außengang entlang der Fassade nach Norden stellt gleichzeitig eine direkte Verbindung zwischen Büro und Wohnhaus her. Direkt angrenzend an den kleinen Innenhof wurde außerdem ein kleines Gästezimmer mit angrenzendem, für Gäste und Mitarbeiter gleichermaßen nutzbarem WC geschaffen.

Optimierter CO2-Fingerabdruck

Aktuell entwickelt Christoph Bliefernicht einen Erweiterungsbau für die Oldenburger Waldorfschule. Ansonsten hat er sich bislang aber fast ausschließlich auf die Sanierung von Altbauten konzentriert. Und das nicht nur aus ästhetischen und denkmalpflegerischen, sondern auch aus energetischen Gründen: „Schließlich entspricht die sogenannte ‘Graue Energie’, also die Energie, die bei der Herstellung, beim Transport und bei der Entsorgung eines Hauses anfällt, im Schnitt der Heizenergie von dreißig bis vierzig Jahren.“ Optimieren lässt sich diese schon an sich sehr positive Energiebilanz von Altbausanierungen durch eine effektive Dämmung: Bei der Umnutzung der ehemaligen Glaserei wurden sämtliche Wände mit 36,5 Zentimeter dicken Porenbetonsteinen gemauert und abschließend hellgrün gestrichen, die Wände zu den Nachbargebäuden wurden alternativ mit einer 120 Millimeter dicken Klemmfilz-Dämmung ausgestattet. Bei dem als Estrich neu gestalteten Fußboden kam eine 160 Millimeter starke Dämmung aus EPS-Granulat zum Einsatz, das durch zwei Oberlichter geöffnete Dach wurde mit 220 Millimeter dicken Hartschaumplatten isoliert.

Ein weiterer Baustein für einen nachhaltigen Planungsprozess war die bewusste Wiederverwendung einzelner Bauteile, um diese dann mit modernen Materialien zu kontrastieren. Als stilvolles Entrée für das Büro fügte Christoph Bliefernicht zum Beispiel das leicht überarbeitete alte Metalltor der ehemaligen Glaserei mit seinen großen Glasflächen an veränderter Position wieder ein. Und im Innenraum wurde eine neu aufgearbeitete, auf einem Betonpodest mitten im Raum platzierte gusseiserne Treppe aus dem 19. Jahrhundert als zentrales Element integriert. Die Treppe stammt allerdings nicht wie zunächst vermutet aus der Glaserei, sondern aus einer stillgelegten Brauerei am Niederrhein. Ebenso wurden auch die alten Industrielampen sowie die über ein Brennwertgerät betriebenen großen gusseisernen Heizkörper aus verschiedenen Altbauten zusammengestellt. Und die im Obergeschoss gelegene Meisterbude wurde aus alten Industriefenstern selbst gezimmert.

Bei der Suche nach alten Teilen oder Materialien nutzt Christoph Bliefernicht das Angebot von Bauteilbörsen, die in großem Stil gebrauchte Teile wieder in den Baukreislauf bringen: „Dort stößt man immer wieder auf Überraschungen“, so der Architekt. Häufig kommt es dabei vor, dass die Fundstücke sogar zu Impulsgebern für die Gestaltung werden: „In diesem Fall habe ich mich insbesondere durch die Treppe inspirieren lassen“, berichtet er. „Eigentlich war die Treppe deutlich zu kurz für den Raum, deshalb entstand schließlich die Idee, neben einem Betonpodest am Boden auch eine neue Empore einzufügen, die gleichzeitig auch als obere Stufe zum Obergeschoss fungiert.“

Die Anregungen für diese ungewöhnliche Entwurfsstrategie bezieht Christoph Bliefernicht übrigens nicht nur aus der Architektur, sondern auch aus dem Bühnenbau. Und das nicht zufällig, denn neben seiner Tätigkeit als Planer ist der Architekt seit 2003 regelmäßig auch als Bühnenbauer und als Schauspieler im nebenan gelegenen „Theater Laboratorium“ tätig, wo er vor einigen Jahren auch an der Planung der neuen Spielstätte in einer backsteinernen Turnhalle aus dem 19. Jahrhundert beteiligt war. „Die Welt des Theaters begeistert mich immer wieder“, verrät Christoph Bliefernicht. Und nicht nur das: „In gewisser Weise interpretiere ich Architektur sogar als Fortsetzung des Bühnenbaus in größerem Maßstab.“ Verbunden mit einem ausgeprägten Gespür für Materialien und deren Geschichte entstehen so ganz überraschende Entwurfskonzepte, die den Gestaltungsspielraum der Architektur auf ungewöhnliche Weise erweitern und dabei völlig neue Perspektiven ermöglichen.

© Text: Robert Uhde
© Foto: Dietmar Blome

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