“Skulpturen in der Stadt”

Created for Neue Zürcher Zeitung NZZ in 2003

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  1. Architekturjournalismus

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15 Entwürfe von Neutelings Riedijk

Mit seinen ungewöhnlich verschachtelten, bisweilen provozierenden Entwürfen gilt das in Rotterdam ansässige Duo Neutelings Riedijk als eines der schillerndsten Büros der internationalen Architektur-Szene. Die soeben eröffnete Ausstellung im Niederländischen Architektur-Institut NAi in Rotterdam gibt bis zum 29. Februar 2004 anhand von 15 Modellen einen umfassenden Einblick in die Arbeit der beiden Planer.

Auf den ersten Blick erscheinen die Arbeiten von Willem Jan Neutelings (1959) und Michiel Riedijk (1964) relativ klar und einleuchtend. Doch dieser erste Eindruck täuscht, denn die eigentliche Inszenierung beginnt erst hinter den scheinbar einfachen geometrischen Formen – als Konflikt zwischen Innen und Aussen, als Kontrast von auffallender Sprödigkeit und raffiniertem Detail oder als ironisch-ambivalentes Spiel zwischen hoher Theorie und niedriger Praxis. Die Architekten selbst beschreiben ihre Vorgehensweise als “skulpturale Wissenschaft”: Das in einem ersten Schritt erstellte mathematisch-rationale Konzept, mit dem die Architekten die jeweilige Bauaufgabe organisieren, dient dabei lediglich als Grundlage eines weiter gehenden, stark intuitiven Gestaltungsprozesses, bei dem sämtliche Planungsparameter wieder aufgerollt und wie in einer Bildhauer-Werkstatt neu in den vorgefundenen städtebaulichen Kontext integriert werden.

Das Ergebnis dieses Prozesses sind raffiniert verschachtelte Collagen oder schwere urbane Solitäre mit ungewöhnlicher Fassadengestaltung: Der eher profane Löschwasserspeicher einer Feuerwache in Maastricht geriet da überraschend zur minimalistisch inszenierten Bühne, der auf die Glasfront einer Druckerei in Ede gedruckte Gedichttext zum Element kunstvoll-überhöhender Aussendarstellung. Und das mit einer Fassade aus rotbraunen Eisenpigmenten verkleidete Utrechter Universitätsgebäude “Minnaert” erscheint den Betrachtern unerwartet als meteoritenhafte Landmarke inmitten eines ansonsten eher avantgardistisch geprägten Umfeldes.

Einen umfassenden Einblick in die Arbeit des 1992 gegründeten Büros gibt jetzt die Ausstellung im Rotterdamer NAi. Hinter einem schwarzen Vorhang haben die Architekten dort eine verdunkelte Schatzkammer mit 15 kunstvoll illuminierten Modellen von zum Teil noch unveröffentlichten Entwürfen inszeniert – darunter die Wohnungsbau-Projekte Wijnhaven und Müllerpier in Rotterdam, die Sphinx-Wohnungen in Huizen, das Ij-Hochhaus im Amsterdamer Hafengebiet Borneo/Sporenburg, das Konzertgebäude in Brügge, das Museum für Stadtgeschichte in Antwerpen, das Niederländische Archiv für Audiovisuelle Medien in Hilversum, die Schifffahrts- und Transport-Hochschule in Rotterdam, das Innenministerium in Den Haag, das Ägyptische Museum in Giza und das Rathaus in Moskau.

Auch diese neueren Arbeiten des Duos beziehen ihre Identität vor allem aus ihren schweren, “rubensartigen” (Jan Neutelings) Formen sowie aus der ungewöhnlichen Gestaltung der Fassaden, die für Neutelings Riedijk in erster Linie die Funktion haben, ein Gebäude entsprechend seiner jeweiligen städtebaulichen Funktion zu kleiden. Von besonderem Interesse ist dabei der Entwurf für das voraussichtlich Ende 2004 fertiggestellte Niederländische Archiv für Audiovisuelle Medien (NAA) in Hilversum, das seinen Reiz vor allem aus dem intelligent in Szene gesetzten Kontrast zwischen der Dauerhaftigkeit des im Untergeschoss gelegenen Archivs und dem eher flüchtigen Charakter der in den Obergeschossen zur Schau gestellten Welt der Medien bezieht. Nach aussen hin wird diese doppelte Funktion des Neubaus durch eine grossflächige Zweite-Haut-Fassade sichtbar, auf der ein mit Siebdruck aufgebrachtes Mosaik mit Abbildungen aus dem Archiv eine fast schon sakral anmutende Membran zwischen innen und aussen schafft.

Ein ähnlich kompakter Entwurf gelang Willem Jan Neutelings und Michiel Riedijk bei ihrer Planung für das voraussichtlich 2005 fertiggestellte Museum für Stadtgeschichte (“Museum aan de Stroom”) in Antwerpen. Der in städtebaulicher Hinsicht als Verknüpfung zwischen Altstadt und Hafen konzipierte, quaderförmige Bau besteht aus zehn spiralförmig übereinander gestapelten und grossflächig verglasten Ebenen. Beim Aufstieg nach oben bieten sich so immer wieder neue Teilansichten auf die Umgebung – bis sich von der rund 50 Meter hoch gelegenen Dachterrasse aus ein traumhafter Panorama-Blick über die Altstadt und den Hafen von Antwerpen bietet.

Ebenfalls direkt am Wasser liegen das auf dem Rotterdamer “Kop van Zuid” geplante Kolleg für Schifffahrt und Transport – ein kraftvoller Bau aus verschiedenen, unterschiedlich grossen Volumen und mit weit auskragenden Obergeschossen –, sowie das als ironisch-kitschiger Kommentar zu den Themen “Architektur” und “Städtebau” lesbare IJ-Hochhaus in Amsterdam. Der 1998 fertiggestellte Bau aus einem rund 60 Meter hohen Wohnhochhaus und einem langgestreckten, dreigeschossigen Sockel mit einem Supermarkt. Als weithin sichtbarer Blickfang fungieren dabei einige deutlich zurückversetzte und gleichzeitig farblich betonte Fassadeneinschnitte – fast so, als seien hier unversehens einige Stücke Fleisch aus der äusseren Hülle des ansonsten eher unauffälligen Gebäudes heraus geschnitten worden. Eher introvertiert präsentiert sich dagegen der deutlich an der Form der Pyramiden orientierte Entwurf für das Ägyptische Museum in Giza, bei dem die Architekten ein Netz aus schmalen Tunneln entwickelt haben, die sämtlich in einer riesigen Halle münden.

Die Methode der skulpturalen Wissenschaft basiert auf einem logisch-rationalen Entwurfskonzept, das offen für eine Vielzahl irrationaler Eingriffe ist. Vor allem bei den Wohnungsbauprojekten entwickeln die Architekten dabei oftmals eine Art chinesisches Puzzle aus raffiniert ineinander verschachtelten und dabei häufig relativ weit auseinander und auf verschiedenen Ebenen angeordneten Räumen. Eine Wohnung von Neutelings Riedijk ist so nicht nur eine Wohnung, sondern immer auch das Ergebnis einer spielerischen Analyse der jeweiligen Bauaufgabe. Ein besonders faszinierendes Beispiel dieser Vorgehensweise zeigen die komplett im Wasser des “Gooi-Meeres” errichteten Sphinx-Wohnungen in Huizen bei Amsterdam: Um eine weite Panorama-Aussicht auf den See zu erreichen, ragen die weit auskragenden Wohnzimmer jeweils zur Hälfte in das Grundstück der Nachbarwohnung hinein und umfassen damit jeweils die doppelte Wohnungsbreite. Die Bewohner wissen ihren nicht alltäglichen Ausblick zu schätzen – die Fluten des Gooi-Meeres im Cinemascope-Format.

© Text + Foto: Robert Uhde

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