“Umhüllende Geste”

Created for bba - bau beratung architektur in 2016

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  1. Architekturjournalismus

In Oldenburg hat das Architekturbüro neun grad architektur eine hochwertig gestaltete Kindertagesstätte fertiggestellt. Der doppelgeschossige Neubau wird charakterisiert durch organisch abgerundete Formen, die den Kindern Geborgenheit vermitteln sollen. Auch ohne WDVS entspricht das Porenbeton-Mauerwerk mit Kalkzementputz der gültigen EnEV.

Seit 2013 hat in Deutschland jedes Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Entsprechend stehen der Ausbau der Kleinkindbetreuung und die Schaffung neuer Kindertagesstätten und Kindergartenplätze mittlerweile ganz oben auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda – und damit auch in den Auftragsbüchern von Architekten. Eine gelungene Umsetzung der reizvollen Bauaufgabe zeigt der für die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Osternburg realisierte, für zwei Krippengruppen mit jeweils 15 Kindern und eine Kindergartengruppe mit 25 Kindern konzipierte Neubau der Kita „Hannah“ in Oldenburg.

Der vom Büro neun grad architektur in enger Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Kirchengemeinde und den vor Ort tätigen Pädagoginnen entwickelte Entwurf überzeugt nicht nur durch seine organisch gestaltete Außenhülle und die gelungene Einbindung in den städtebaulichen Kontext, er bietet gleichzeitig auch eine inspirierende Lernlandschaft, die die Kinder ganz gezielt zum Entdecken und Experimentieren anregen soll. Einen gedanklichen Bezugsrahmen für die Planung bildete dabei die anthroposophische Architektur, mit der sich Architekt Lars Frerichs unter anderem im Rahmen seines Studiums an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn auseinandergesetzt hat.

Organische Gebäudehülle

Städtebaulich korrespondiert die Kita mit einem kurz vor der Eröffnung stehenden Supermarkt und einem geplanten Bürogebäude, beide ebenfalls von neungrad architekten geplant. Ausgangspunkt der Kita-Planung war der nicht ganz einfache Standort der Grundstückes: Nordöstlich grenzen das Klinikum Oldenburg und das Elisabeth-Kinderkrankenhaus mit ihrer heterogenen, in verschiedenen Stadien mehrfach erweiterten Backstein-Architektur an. Weiter südwestlich wird in wenigen Wochen der Einkaufsmarkt in organisch abgerundeter Klinkerarchitektur eröffnet. Südlich an das Ensemble angrenzend soll bis 2017 außerdem das neue Bürogebäude entstehen. Um zwischen den verschiedenen Elementen zu vermitteln, entwickelten die Planer eine expressive Formensprache mit organisch geschwungenen, dabei sanft auf- bzw. absteigenden Linien, die durch eine helle Farbgebung kontrastiert und betont wird.

Zusätzliche Dynamik erhält die Architektur durch die unterschiedlich großen, vielfach quadratisch geschnittenen Fenster aus Holz. Die scheinbar zufällige, letztlich aber sorgsam kalkulierte Platzierung der zumeist weiß eingefassten Öffnungen unterstricht den lebendigen und freundlichen Charakter des Neubaus und ermöglicht gleichzeitig einen optimierten Lichteinfall in sämtlichen Bereichen. „Im Zusammenspiel der unterschiedlichen Elemente wollten wir eine einladende und umhüllende Geste schaffen, die den Kindern auf den ersten Blick Geborgenheit und Schutz vermitteln soll“, erklärt Architekt Lars Frerichs das Konzept. „Ganz wichtig war uns dabei, dass die Form bewusst ‚unfertig‘ bleibt, um den Entwurf nicht zu glatt erscheinen zu lassen und damit besser in die Umgebung zu integrieren.“

Sämtliche Außenwände wurden als einschalige Wand aus 36,5 bzw. 42,5 cm dicken Porenbetonsteinen (Ytong Planblock von Xella) errichtet und anschließend in weiten Teilen mit einem beige-farbenen, faserarmierten Kalkzementputz von Lino (Wärmeleitfähigkeit 0,54 W/mK) ausgebildet. Trotz des Verzichtes auf ein Wärmedämmverbundsystem konnten dabei die Anforderungen der aktuellen EnEV umgesetzt werden. Innenseitig kam ein Leichtputz ebenfalls als Kalkzementputz zum Einsatz, der schnell abbindende Super Lupp von Knauf.
Ein wichtiges Element der Architektur sind außerdem die im Übergang zwischen drinnen und draußen platzierten Spielbereiche, die ganz bewusst eine Übergangszone zwischen innerer und äußerer Welt bieten sollen. Um die Flächen optisch hervorzuheben und mit dem Innenraum zu verbinden, wurde die Fassade hier alternativ mit mit unterschiedlich breiten (6,5/9,0/14,0cm), vertikal aufgebrachten Latten aus thermisch vorbehandeltem Kiefernholz von Ceko verkleidet. Für eine ausreichende Hinterlüftung und gegen Feuchtigkeitsschäden wurden die Bretter auf einer Konterlattung montiert.

Fließendes Raumgefüge

Seine nahtlose Fortsetzung findet das gestalterische Konzept im Innenraum, wo auf einer Fläche von 790 m² ein dynamisch fließendes Raumgefüge mit hellen und lichtdurchfluteten Gruppen- und Sozialräumen zur Verfügung steht. Um sämtliche Flächen und Funktionen harmonisch zusammenzufügen und dabei einen hellen, luftigen Innenraum sowie möglichst kurze Wege zu ermöglichen, wurde der zur Straße „An den Voßbergen“ orientierte östliche Teil des Gebäudes mit einem zusätzlichen Staffelgeschoss ausgebildet; für einen einheitlichen Gesamteindruck werden beide Ebenen durch ein ein schräg aufsteigendes, durchgehend begrüntes Dach miteinander verbunden. Im Erdgeschoss sind die beiden Bereiche für die Krippengruppen, ein offener Bewegungsraum, eine kleine Kantine, Büros und Toiletten angesiedelt. Als zentraler Mittelpunkt fungiert hier ein geschossübergreifendes Foyer mit vielfältigen Sichtbeziehungen, das als Begegnungsort und als gemeinschaftliche Plaza für die verschiedenen Gruppen fungiert. Im Obergeschoss sind die Räume für die Kindergartengruppe untergebracht. Ein nach Norden hin orientierter Balkon mit Treppe und Rutsche ins Erdgeschoss ermöglicht hier einen direkten Zugang nach außen.

Wichtige gestalterische Elemente im Innenraum sind die asymmetrischen Durchgänge und Wandöffnungen, die bodentiefen Fenster, die großen Oberlichter und Dachfenster sowie die Verwendung von hellen Holzflächen und gelblich-erdfarbenen Linoleumböden: „Durch die verschiedenen Freiflächen, Nischen, Höhlen sind vielfältige Raumsituationen entstanden, die die Kinder je nach Bedarf zum Spielen, Ausruhen, Entdecken und Bewegen einladen“, so Lars Frerichs. „Sehr beliebt ist zum Beispiel die ‚Bobbycar-Rennstrecke‘, bei der die Kinder in eine der Höhlen hinein und auf der anderen Seite wieder rausfahren können. Für ruhigere Aktivitäten stehen rund um das Foyer die separaten Bereiche für die einzelnen Gruppen zur Verfügung.“ Im Zusammenspiel ergänzen sich die verschiedenen Elemente zu einem homogenen Ganzen, das beispielhaft die Bedeutung von Architektur als einem wichtigen Bestandteil von Pädagogik aufzeigt.

© Text: Robert Uhde
© Foto: Archimage, Meike Hansen

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